Keiner geht mit leeren Taschen nach Hause

 

 

Sollte der heilige Vinzenz von Paul von seinem Platz im Himmel auf Bamberg blicken, wird er sich sicher freuen, wie seinem Namen hier Ehre gemacht wird. Seit 14 Jahren kümmern sich die Eheleute Michaela Revelant und Wilhelm Dorsch in der Dieselstraße mit einem Team weiterer Ehrenamtlicher um Bedürftige aus der Stadt und dem Landkreis Bamberg. „Längst sind es nicht mehr nur ‚Randgruppen’, sondern vermehrt alte Menschen, Alleinerziehende und Kranke, die durch Kürzungen im Sozialbereich, Arbeitslosigkeit oder persönliche Schicksale in Not geraten sind – und die Zahl der Bedürftigen wächst“, berichtet Wilhelm Dorsch.

 

 

7000 ehrenamtliche Stunden

 

Zum Glück gibt es Bamberger Supermärkte, Bäcker und Metzger, bei denen die Helfer mit ihrem Lieferwagen täglich Lebensmittel abholen dürfen. 7000 Kilometer kommen da pro Jahr zusammen und 33 Helfer des Vinzenzvereins leisten ehrenamtlich über 7000 Arbeitsstunden, damit pro Woche etwa 70 Bedürftige und deren Angehörige nicht hungern müssen. Leicht verderbliche Waren lagern im Kühlhaus, dessen Stromkosten sowie die Aufwendungen für den Transport vom Unkostenbeitrag in Höhe von einem Euro pro „Einkauf“ gedeckt werden. Wer auch diesen Obulus nicht leisten kann, muss trotzdem nicht mit leeren Taschen nach Hause gehen, es gibt Gottseidank auch noch private Spender.

 

 

Bedürftige aus 24 Nationen

 

Mittwoch und Samstag sind die Tage, an denen man in der Dieselstraße neben den deutschen Stammkunden ein buntes Völkergemisch trifft - von Island über Russland, die Mongolei, China bis Australien, um nur einige zu nennen. 24 Nationen sind hier vertreten, hat Michaela Revelant gezählt. „Sie sprechen mit Händen und Füßen und machen schnell deutlich, was sie brauchen“. Die Hilfesuchenden schätzen es sehr, dass sie sich hier ganz ohne Bürokratie eindecken können mit Backwaren, Milchprodukten und reichlich Obst und Gemüse. Wenn freilich einer – wie geschehen – mit dem siebener BMW vorfährt, dann wird er von den Verehrern des heiligen Vinzenz schon mal angepflaumt. „Das wär ja noch schöner!“ entrüstet sich die 55jährige, „den Ärmsten was wegzunehmen, wenn man es selbst gar nicht nötig hat.“ Die Kunden bedienen sich außer mit Lebensmitteln gern aus dem gut gefüllten Lager mit Kleidungsstücken, Spielsachen, Hausrat.

 

 

Helfen ohne großes Brimborium

 

Wie befriedigend die Aufgabe sein kann, zeigt sich immer dann, wenn ehemalige „Kunden“ als Dank ihre ehrenamtliche Hilfe anbieten, nachdem sie selbst wieder „auf die Beine gekommen sind“. Oder man einem verzweifelten Anrufer „ohne großes Brimborium einfach sofort helfen kann“, notfalls auch außerhalb der Öffnungszeiten. Die Tränen in den Augen der jungen Mutter, die gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war und kein Weihnachtsgeschenk für ihr Kind hatte, wird Michaela, selbst Mutter von drei Kindern, nicht vergessen. Dabei war es nur um ein Spielzeug und eine kleine Geldsumme gegangen …

 

 

Wer wird weitermachen?

 

„Man braucht viel Durchhaltevermögen, muss bei jeder Temperatur zur Verfügung stehen“, erklärt der 59jährige, der auch das Amt des Ersten Vorstands im Vinzenzvereins innehat. „Das Tragen schwerer Kisten hinterlässt seine Spuren. Auch die Entsorgung des Abfalls und das Saubermachen sind nicht zu unterschätzen.“ Aber nicht nur für die leibliche Not wird im Hinterhof des Revelant’schen Hauses gesorgt, „manche müssen auch ihre Sorgen und Nöte loswerden, und denen hören wir zu“, berichtet seine Frau. “Wir haben unseren Rhythmus voll auf diese Aufgabe eingestellt und machen uns jetzt schon Sorgen, wer das einmal weiterführen soll, wenn wir nicht mehr können.“ Die Beiden mussten ihr hauptberufliches Geschäft aus gesundheitlichen Gründen reduzieren auf Terrazzosanierung und Schleifarbeiten. Sie träumen von einem längeren gemeinsamen Urlaub, aber sie können schließlich ihre Schützlinge nicht im Stich lassen…

 

 

Freiwillige sind immer willkommen

 

„Dass diese Einrichtung gebraucht wird, kann jeder sehen. Und es wird in Zukunft noch mehr Arme geben. Deshalb ist es so wichtig, viele Helfer zu haben. Ohne unser großartiges Team könnten wir das nicht schaffen“, betonen die barmherzigen Samariter, denen zum Glück von der CariThek, der Bamberger Ehrenamtsbörse der Caritas, immer wieder Freiwillige vermittelt werden. Die eigenen Hobbys – Wilhelm gestaltet Mosaike und komponiert, Michaela liebt Lesen, Handarbeiten und Gartenarbeit – müssen freilich noch eine Weile auf Sparflamme laufen.

 

Renate Steinhorst