Lesepaten

 

 

Schlechte Noten für deutsche Schüler: Bei der Lesekompetenz hapert es. Das alarmierende Ergebnis der PISA-Studie setzte in Forchheim Energien frei: Seit zwei Jahren engagieren sich Seniorinnen und Senioren als Lesepaten. Und hoffen auf Nachahmer.

 

„Es begann am Gartenzaun,“ erinnert sich Karl-Heinz Kremer. Der pensionierte „Siemensianer“ unterhielt sich mit seinem Nachbarn Ulrich Löhr, dem Konrektor der Traitteur-Volksschule in Forchheim. Dabei kam das Gespräch auch auf die Bildungsstudie PISA, die Kenntnisse und Fähigkeiten von Schülern am Ende der Pflichtschulzeit erhebt. Im Mittelpunkt von PISA 2000 stand Lesen und Verstehen von Texten. Die deutschen Schüler schnitten im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich schlecht ab: Lediglich Platz 21 erreichte Deutschland im Lesen und liegt damit deutlich unter allen anderen westlichen Industriestaaten.

 

Man müsste also etwas tun, um die Sprach- und Lesekompetenz von Schülern zu stärken, folgerte Kremer und war überzeugt, dass man dieses Ziel am besten erreicht, indem man Kindern Spaß am Lesen vermittelt. Die Idee eines freiwilligen Angebots war geboren. Einmal in der Woche treffen sich außerhalb des Unterrichts kleine Lese- und Gesprächsgruppen, die von Ehrenamtlichen – den Lesepaten - geleitet werden. Dieses Angebot zu gestalten, eignen sich am ehesten Menschen, die über freie Zeit am Nachmittag verfügen – das sind vor allem Rentner. Daher erhielten die Lesegruppen den Namen „GenerationenTREFFS“.

 

Die GenerationenTREFFS starteten im Schuljahr 2002/2003 mit den Gruppen „Lesespaß“ und „Kopfkino“ in der Traitteur-Volksschule. Insgesamt nahmen neun türkischstämmige Kinder und ein Schüler, dessen Eltern aus Pakistan kommen, aus der 5. Klasse teil. Die eine Gruppe leitete eine Förderlehrerin, die andere Kremer selbst. Ihr Ziel war es, speziell Kinder von Migranten zu fördern. Allerdings tat sich, so Karl-Heinz Kremer rückblickend, eine Diskrepanz zwischen den notwendigerweise einfachen Texten und der Welt der Jugendlichen auf.

 

Daher setzte man im Schuljahr 2003/2004 bei jüngeren Schülern an. An zwei Forchheimer Grundschulen – in Buckenhofen und an der Martinsschule – bildeten sich sieben Gruppen aus jeweils 5 bis 8 Schülern der 2. Klassen. Im kommenden Schuljahr soll das Angebot an weiteren Grundsschulen eingeführt werden.

 

Das Spektrum der Kinder, die an den Lesegruppen teilnehmen, ist breit, weiß Kremer zu berichten: „Manche greifen bereits selbst zum Buch, andere müssen es erst lernen.“ Die Teilnahme ist freiwillig, die Schüler müssen sich dann aber für ein Schuljahr verpflichten. Dafür dürfen sie auch Themen und Bücher vorschlagen; gelegentlich bringt ein Kind auch ein Buch von zu Hause mit, das dann alle gemeinsam lesen.

 

In seiner Gruppe hat Kremer mit Kurzgeschichten angefangen und dabei auch Literatur benutzt, die er für seine eigenen – inzwischen erwachsenen – Kinder angeschafft hatte. „Auch Max und Moritz oder die Kölner Heinzelmännchen sind nach wie vor aktuell,“ sagt er. Dann hat Kremer seinen „Patenkindern“ ein ganzes Buch – „Die Entfaltung der Welt“ von Brigitte Schär – vorgestellt. Einzelne Passagen lasen alle gemeinsam, die ausgelassene Handlung erzählte Kremer nach. Inzwischen hat er ehrgeizigere Pläne: So will er Bücher nur anlesen und besprechen und die Kinder sollen sie zu Hause zu Ende lesen. Oder die Kinder sollen ein Buch privat lesen und dann in der Gruppe von der Lektüre berichten. Kremer weiß aber auch, dass er die Gruppenstunde auch immer wieder mit spielerischen Elementen auflockern muss.

 

Der Erfolg stellt sich durchaus ein. So habe ein Junge vor kurzem gesagt: „Ich lese jetzt meinem kleinen Bruder vor – jeden Abend.“

 

Nutzen haben aber auch die Lesepaten selbst: So könne man die heutige Jugendliteratur kennen lernen. Vor allem aber lobt Kremer die Horizonterweiterung: „Der Blick über die Generationen fehlt vielen – auch so manchem Senior.“

 

Inzwischen engagieren sich 16 Lesepatinnen und –paten im Arbeitskreis „GenerationenTREFFS“. Der Kreis bietet Erfahrungsausstausch, aber auch die Möglichkeit, sich bei Abwesenheit – „Senioren sind ja öfter mal krank oder während der Schulzeit in Urlaub“ – gegenseitig zu vertreten. Um in der Kommune erkennbar und erreichbar zu sein, ist sind „GenerationenTREFFS“ als eine von 18 Gruppierungen unter das Dach des Seniorenbüros Forchheim geschlüpft. das sichert ihnen auch die Gemeinnützigkeit.

 

Über ihr Mitteilungsheft will die Martinsschule selbst weitere Paten werben. Neuen, aber auch schon aktiven Vorleserinnen und Vorlesern bietet die Initiative „GenerationenTREFFS“ zu Schuljahresbeginn eine Fortbildung an.

 

Es nimmt kaum wunder, dass dieses rege Engagement bereits ausgezeichnet wurde. Die „GenerationenTREFFS“ erhielten den Bürgerpreis der Stadt Forchheim 2003 und erzielten beim Bürgerpreis 2003 der Initiative für Bürger-Engagement „für mich, für uns, für alle“ den 2. Preis in der Kategorie Projekte.

 

Diese bundesweite Auszeichnung ist mit der Verpflichtung verbunden, die Projektidee überregional bekannt zu machen. Deshalb hat der Arbeitskreis jetzt eine Broschüre über die „GenerationenTREFFS“ vorgelegt. Sie beschreibt das Projekt für alle, die Ähnliches planen. Eine Homepage soll bis Ende des Jahres entstehen.

 

Interesse an der Idee ist aus Erlangen signalisiert worden. Karl-Heinz Kremer meint aber, dass es „GenerationenTREFFS“ in jeder Kommune geben sollte. Die Schulen seien für solche Angebote offen. In der Projektidee sieht er eine Chance gerade für kirchliche Vereine, die oft ihre Überalterung beklagen. Für sie „könnten generationenübergreifende Aktivitäten Jungbrunnen und neue Aufgabe sein.“ Allen Interessenten, die andernorts ähnliche Gruppen gründen wollen, sagt Kremer ausdrücklich „jede Unterstützung“ zu.